14.07.2010 Märkische Allgemeine Lokalnachrichten


Kröcher ist Mitglied bei der Jungen Union (JU) und Schüler des Hennigsdorfer Puschkin-Gymnasiums. Vergangenen Dienstag hatte er einen solchen Flashmob – zu deutsch: Blitzpöbel – mitorganisiert. Rund 50 Schüler und Lehrer hatten den Hennigsdorfer Postplatz gestürmt, um gegen eine angekündigte Mahnwache der NPD-Jugendorganisation Junge Nationaldemokraten (JN) zu protestieren. Auch wenn die Neonazis ihre Veranstaltung zu diesem Zeitpunkt längst abgesagt hatten und die Gegendemo bereits vorbei war, wertet Kröcher die Aktion als Erfolg. „Das hat Spaß gemacht und war ein Lebenszeichen für unser Gymnasium.“
Zusammen mit Michael Friedrich vom Hennigsdorfer Jugendbeirat fordert Kröcher jetzt, verstärkt über neue Protestformen nachzudenken. Beim „Hennigsdorfer Aktionsbündnis Lebendige Teilhabe“ (Halt) stoßen sie dabei auf offene Ohren.
Im September soll es laut Halt-Sprecherin Annette Koegst ein Seminar geben, in dem man einen „Notfallplan“ gegen rechtsextreme Aktionen erarbeiten wolle. Dabei werde es auch um alternative Protestformen gehen. „Wir wünschen uns mehr junge Menschen“, sagt sie.
Diskutieren wolle man auch darüber, ob man bei solchen Veranstaltungen die deutschen Nationalfarben verwenden sollte. Koegst hat hier eine klare Meinung: „Die Farben sollten wir uns nicht wegnehmen lassen, sondern sie positiv besetzen.“
Eine Haltung, die nicht bei allen Mitgliedern des Aktionsbündnisses ankommt. So hatte man im Vorfeld der Dienstagsdemo die Überlegung, die Neonazi-Mahnwache durch Vuvuzela-Lärm zu stören, verworfen. Begründung: Die Tröten mit den Deutschland-Farben könnten die rechten Kräfte bestärken.
Friedrich und Kröcher können das nicht nachvollziehen. „Man sollte doch davon ausgehen, dass jedem Bürger der Unterschied zwischen Schwarz-rot-gold und Schwarz-weiß-rot bekannt ist.“
Bei der Antifa Oranienburg sieht man das kritischer. Die Flashmob-Aktion der Schüler sei gut gewesen, sagt Sprecher Jens Anger. Dass es einzelne Vuvuzelas in schwarz-rot-gold gegeben habe, sei auch okay. Mit großen Deutschland-Fahnen wolle man aber nichts zu tun haben. „Jeder Nationalismus schafft eine Form von Ausgrenzung und ist abzulehnen“, sagt Anger.
Der Chef des Mobilen Beratungsteams gegen Gewalt und Rechtsextremismus in Brandenburg, Dirk Wilking, hat weniger Berührungsängste. „Nationalismus mit Spaß: Solche Konzepte finde ich richtig gut“, sagte er gestern der MAZ. So hätten die Rechtsextremen mit der WM 2006 in Deutschland große Probleme gehabt.
Dass Menschen in Deutschland-Fahnen gekleidet waren, „ohne ein nationales Ding zu haben“, sei für sie schwer zu verdauen gewesen. „Wenn ein Türke mit Schwarz-rot-gold rumläuft, tut das den Nazis richtig weh“, sagt Wilking. Als großes Konzept tauge „eine schwarz-rot-goldene Volksbewegung gegen Rechts“ zwar nicht, glaubt er. Aber wenn Organisationen wie die Junge Union punktuell markierten, wo Demokratie anfange und wo sie aufhöre, dann könne man das unterstützen.
Ungeachtet dessen feiern sich die Neonazis selber. Sie hatten vergangene Woche durch den stellvertretenden JN-Bundesvorsitzenden, Sebastian Richter, gleich drei Mahnwachen angemeldet.
Zur ersten am Montag in Oranienburg erschienen sie nicht. Die zweite in Hennigsdorf sagten sie ab. Zur dritten am Mittwoch in Oranienburg kamen sie später. Dies sei ein Ablenkungsmanöver gewesen, heißt es nun auf einer Neonazi-Internetseite.
So habe man am Mittwoch in Ruhe Flyer verteilen können. Während die Neonazis von einem „Erfolg“ sprechen, stuft die Antifa dies ganz anders ein. „Die vergangenen Tage zeigten, dass Neonazis in Oberhavel-Süd keine Möglichkeiten haben, eine Veranstaltung anzumelden oder zu bewerben, ohne auf Gegenwehr zu stoßen“, heißt es in einer Erklärung.
Für Dirk Wilking vom Mobilen Beratungsteam waren die JN-Aktionen ein Ausdruck von Hilflosigkeit. Dass sich Richter vergangenen Mittwoch mit einem Megafon hinstellte und Texte ablas, passe nicht zum sonst eher kreativen JN-Aktivisten. „Das war Opa-Gehabe und wie bei Honecker“, sagt Wilking. Er habe den Eindruck, dass Richter von der NPD-Parteizentrale zu der Aktion verurteilt wurde. „Denen laufen die Leute weg“, sagt Wilking. Ihm zufolge konkurriert die NPD zunehmend mit den so genannten Autonomen Nationalisten. Diese seien wegen ihres Aktionismus und ihrer Parteiunabhängigkeit für viele junge Rechtsextreme attraktiver als die NPD. Derzeit gebe es zwischen 200 bis 300 Autonome Nationalisten in Brandenburg, schätzt Wilking. (Von Sebastian Meyer)

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